Zum Inhalt springen

Studie · Wirtschaft

Wertewelten Arbeiten 4.0.

Meinungsvielfalt in der Arbeitsgesellschaft.

Unter den Erwerbspersonen in Deutschland haben sich sieben unterschiedliche Wertewelten herausgebildet, die teilweise gegensätzliche Vorstellungen davon haben, wie Arbeit sein sollte. Was für die einen der erstrebenswerte Arbeitsalltag ist, ist für andere das Bedrohungsszenario schlechthin.

Titelfolie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

Gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA).

Interviews
1.200
Befragt
Erwerbspersonen
Erhebung
April bis November 2015
Erschienen
März 2016

Ideal und Wirklichkeit gehen auseinander.

Der Wandel der Arbeitswelt mit Automatisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung hat auch zu tiefgreifenden Veränderungen im Erleben der Beteiligten geführt.

Die Studie zeigt: Während sich die einen als Verlierer fühlen, sehen andere große Chancen auf sich zukommen. Ein Großteil der Erwerbspersonen verbindet mit der heutigen Arbeitswelt jedoch überwiegend Druck und Stress.

heute
Nur jede fünfte …

… Erwerbsperson empfindet ihre Arbeitssituation als nahezu ideal.

heute
Knapp die Hälfte …

… empfindet ihre Arbeitssituation als mangelhaft.

2030
Fast die Hälfte …

… hat einen optimistischen Blick in die Zukunft und glaubt, dass sich die Arbeitssituation im Jahr 2030 deutlich verbessert haben wird.

Sieben verschiedene Vorstellungen von guter Arbeit.

Während die Führungskräfte in der Studie zu guter Führung bei aller Unterschiedlichkeit noch einen einheitlichen Wertekern haben, zerfällt der Werteraum bei den Erwerbspersonen in sieben klar voneinander unterscheidbare
Wertewelten. Diese entsprechen jeweils einer bestimmten, in sich konsistenten und für sich beschreibbaren Sichtweise auf das Thema Arbeit.

Landkarte des Kulturraums Arbeit in Deutschland mit den Positionen der sieben Wertewelten: angestrebte Aspekte in Grün, abgelehnte in Rot
Kulturraum Arbeit in Deutschland. Grün zeigt die angestrebten, Rot die abgelehnten Aspekte; die nummerierten Marker zeigen, wo die sieben Wertewelten ihr Idealbild von Arbeit verorten (n = 1.000).

Sieben Wertewelten. Wählen Sie eine aus, um sie kennenzulernen.

1 2 3 4 5 6 7

Anteile der 1.000 befragten Erwerbspersonen, gerundet.

Wertewelt 1 von 7
128 %

Sorgenfrei von der Arbeit leben können.

Ihnen geht es vor allem darum, in einer sicheren Gemeinschaft ohne materielle Sorgen leben zu können. Arbeit gehört dazu, wird jedoch teilweise als so raumgreifend empfunden, dass daneben kaum noch Platz für anderes bleibt. Für diese Gruppe ist Planbarkeit sehr wichtig, Beschleunigung und zunehmenden Leistungsdruck empfinden sie dagegen als negativ. Vom Staat erwarten sie, dass er alle Menschen absichert, die ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten.

„Mir ist es wichtig, dass meine Familie und ich ohne materielle Sorgen in einer sicheren Gemeinschaft leben können. Arbeit gehört dazu, doch leider fordert sie oft so viel, dass ich kaum noch Platz für mein eigenes Leben finde. Alles geht immer schneller und man muss immer mehr leisten. Der Staat sollte dafür sorgen, dass jeder, der einen Beitrag leistet, auch abgesichert ist.“

29 %

In einer starken Solidargemeinschaft arbeiten.

Für sie ist eine ideale Arbeitswelt durch gegenseitige Loyalität, Wertschätzung und Teilhabe in einer Solidargemeinschaft geprägt. Die Entwicklung der Gesellschaft empfinden sie teilweise als besorgniserregend. Sie haben das Gefühl, dass immer mehr Menschen durch das Raster fallen und keinen Platz in der Gesellschaft finden. Sie sehnen sich zurück nach einer Zeit, in der Unternehmen sich um das Wohl ihrer Mitarbeiter*innen sorgten, es Arbeit für alle gab und man auch in schlechten Zeiten zusammenhielt.

„Arbeit bedeutet für mich Loyalität, Wertschätzung, Teilhabe und Zusammenhalt in einer Solidargemeinschaft. Das drückt sich auch materiell aus, aber nicht nur. Mich macht die Entwicklung zunehmend besorgt. Früher haben Unternehmen noch das Wohl der Menschen im Blick gehabt und es gab Arbeit für alle. Jetzt fallen immer mehr Menschen durch das Raster und finden keinen Platz mehr in der Gesellschaft.“

315 %

Den Wohlstand hart erarbeiten.

Ein Leben lang hart zu arbeiten, ist für sie selbstverständlich und sie glauben, dass jeder, der sich bei seiner Arbeit wirklich anstrengt, es auch zu etwas bringen kann. Sie merken jedoch auch, dass dies nicht mehr so einfach ist wie früher. Wer es geschafft hat, darf sich ruhig ein wenig Luxus gönnen. Sie erwarten von den Sozialpartnern, dass sie dafür sorgen, dass Deutschland weiterhin wirtschaftlich stark bleibt und Leistungsträger hier eine Heimat behalten.

„Natürlich ist die Arbeit schwerer geworden und macht nicht immer Spaß. Aber ich glaube noch immer, dass jeder, der sich wirklich anstrengt, es hier zu etwas bringen kann. Und wenn man es geschafft hat, darf man sich ruhig etwas Luxus gönnen. Die Sozialpartner müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Deutschland weiterhin die Wirtschaftsmacht in Europa bleibt und Leistungsträger hier eine Heimat behalten.“

411 %

Engagiert Höchstleistung erzielen.

Die Idealvorstellung von Arbeit ist für sie durch Verantwortung, Effizienz und Leistungsstreben gekennzeichnet. Die rasante Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft, unter anderem durch die Digitalisierung, empfindet man nicht als belastend, sondern als willkommene Herausforderung. Es ist an jeder und jedem Einzelnen, sich mit den neuen Herausforderungen zu arrangieren, beispielsweise durch lebenslanges Lernen. Man geht davon aus, dass die Rahmenbedingungen die oder den Einzelnen hinreichend unterstützen.

„Verantwortung und eine führende Position sind für mich kein Druck, sondern pures Adrenalin. Gerne pushe ich mich selbst zu Höchstleistungen. Wirtschaft und Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Angesichts der Digitalisierung ist beständige Weiterbildung ein Muss. Die politischen Rahmenbedingungen zur Bewältigung dieser neuen Herausforderungen sind dabei gegeben.“

510 %

Sich in der Arbeit selbst verwirklichen.

Sich selbst immer wieder neu zu erfinden und viele spannende Erfahrungen machen zu können, zeichnet für sie eine ideale Arbeitssituation aus. Sie erleben sich als Teil eines Netzwerks Gleichgesinnter, auch über Deutschland hinaus. Selbstverwirklichung ist für sie kein Gegensatz zu Leistung und Effizienz. Von Gesellschaft und Arbeitgebern erwarten sie, dass sie die Menschen auf ihrem individuellen Weg unterstützen, beispielsweise durch Flexibilität von Arbeitsort und -zeit sowie umfassende Kinderbetreuung.

„Wir sind auf dem Weg in eine Arbeitswelt, in der man sich mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten immer wieder neu erfinden und viele spannende Dinge tun kann, auch international. Das steht nicht im Widerspruch zu Leistung und Effizienz, wenn Gesellschaft und Arbeitgeber dazu bereit sind, die Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, beispielsweise durch flexible Arbeitsmöglichkeiten und umfassende Kinderbetreuung.“

614 %

Balance zwischen Arbeit und Leben finden.

Arbeit wird von ihnen als ideal empfunden, wenn sie sich mit Familie, individueller Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Mitgestaltung vereinbaren lässt. Gleichzeitig erwarten sie von jeder und jedem Einzelnen ein gewisses Maß an eigenem Gestaltungswillen. Das Ziel einer Gesellschaft ist für sie, gemeinsam gute Bedingungen für alle zu schaffen. Die Wirtschafts- und Arbeitswelt soll sich dem Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Sie sind nicht bereit, für materielle Sicherheit ihre Prinzipien aufzugeben.

„Ich will Arbeit, Familie und persönliche Selbstverwirklichung zusammenbringen. Eigenverantwortung und gesellschaftliche Mitgestaltung gehören dabei für mich zusammen. Schließlich ist es eine gemeinsame Aufgabe, gute Bedingungen für alle zu schaffen. Das System soll sich den Menschen anpassen und nicht die Menschen dem System. Ich will meine Prinzipien nicht für etwas materielle Sicherheit über Bord werfen.“

713 %

Sinn außerhalb seiner Arbeit suchen.

Sie sehen die Erwerbsarbeit nicht als die einzig sinnstiftende Tätigkeit an. Vielmehr bemisst sich hier der Wert einer Tätigkeit für die Menschen an ihrem Beitrag zum Wohlergehen der Gesellschaft. Gemeinnützige Tätigkeiten erscheinen ihnen oftmals sinnvoller als eine Arbeit, die vor allem aus monetären Gründen ausgeübt wird. Vom Staat erwarten sie, dass er allen Bürger*innen ein lebenswertes Auskommen garantiert, unabhängig davon, welches Einkommen sie am Arbeitsmarkt erzielen.

„Ich glaube nicht, dass man den Sinn des Lebens nur in der Erwerbsarbeit suchen sollte. Alle Tätigkeiten sind gleich wertvoll, solange sie einen Beitrag zum Wohlergehen aller leisten. Menschlichkeit kann sich auch in kleinen und sehr persönlichen Dingen zeigen. Deshalb sollte der Staat allen ein lebenswertes Auskommen garantieren, unabhängig davon, was sie nach der Marktlogik verdienen.“

Die Ich-Zitate sind typische Aussagen, wie sie Personen dieser Wertewelt formulieren könnten; sie fassen die Interviews zusammen und sind keine wörtlichen Einzelzitate.

SELBSTTEST

Welcher Arbeitstyp sind Sie?

Erfahren Sie, zu welchem Arbeitstyp Sie gehören und wie sich Ihr Wertekompass mit dem anderer Menschen aus Deutschland deckt.
Der Test dauert 5 bis 10 Minuten, die Nutzung erfolgt anonym.

Keine eigene Wertewelt der jungen Generation.

Es ist eine gewisse Unter- bzw. Überrepräsentation bestimmter soziodemografischer Merkmale in den Arbeitstypen zu beobachten. Trotzdem ist festzuhalten, dass eine Zuordnung alleine über bestimmte soziodemografische Merkmale keinesfalls möglich ist. Somit ist eine Pluralisierung des Erlebens von Arbeit in Deutschland festzustellen, die über soziodemografische Trennlinien hinweggeht.

Das gilt auch für das Alter. Die Generationen „Y“ oder „Z“ bilden keine eigene Wertewelt. Beim Alter zeigt die Studie nur wenige signifikante Abweichungen: Unter-30-Jährige sind in der Wertewelt „Sorgenfrei von der Arbeit leben können“ unterrepräsentiert, Über-60-Jährige in „In einer starken Solidargemeinschaft arbeiten“ überrepräsentiert.

Flexibilisierung der Arbeitszeit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Demokratisierung des Unternehmens, Diversity, Mitarbeiterbindung oder Work-Life-Blending sind also keine Moden, die unsere junge Generation mitbringt. Eher sind sie Ausdruck von sich grundsätzlich wandelnden Bedürfnissen in unserer Arbeitsgesellschaft.

Merkmal Sorgenfrei Solidarität Wohlstand Leistung Entfaltung Balance Sinn
Alter▼unter 30▲60+▼30–39
Familie▲1 Kind▲geschieden
Ausbildung▲Promotion▲Hochschulabschluss,
Promotion
Arbeitssituation▼selbstständig▼solo-selbstständig▲solo-selbstständig
Gewerkschaftsmitglied▲ja▼ja
Jahre im Arbeitsleben▼unter 5▼unter 5▲unter 5
Migrationshintergrund▲ja▲ja
Nettoeinkommen▲1.100–1.699 €▲über 4.000 €▲über 4.000 €

Tabelle seitlich wischen, die erste Spalte bleibt stehen.

signifikant überrepräsentiert signifikant unterrepräsentiert

Signifikante Über- und Unterrepräsentation soziodemografischer Merkmale in einer Wertewelt relativ zu den anderen Wertewelten (5-%-Signifikanzniveau). Quelle: Bericht „Wertewelten Arbeiten 4.0“, Tabelle 9.

Entwicklung der Arbeitswelt.

Insgesamt lässt sich beobachten, dass die Arbeitswelt der 1950er/1960er Jahre bis hin zu den 1990er Jahren recht positiv wahrgenommen wird. Seitdem hat sich die Arbeitswelt jedoch kontinuierlich vom Ideal entfernt.

Die Entwicklung geht demnach von einer prinzipiell positiv erlebten Situation ohne Druck und Sorgen in der Vergangenheit hin zu einer heute ambivalenten Situation, die durch Druck, Risiko und Spaltung der Gesellschaft auf der negativen Seite sowie durch Konzentration auf wirtschaftlichen Erfolg auf der positiven Seite beschrieben wird.

1950er bis 1990er Jahre 64 %

Erfüllung des Ideals.

heute 49 %

Erfüllung des Ideals.

Erfüllungsgrad des Idealbilds von Arbeit. Aussagen über die Vergangenheit beruhen auf der heutigen Einschätzung der Befragten.

Der Chancenraum 2030.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist im Schnitt über alle Befragten hinweg verhalten positiv. Mit Blick auf die Arbeitswelt insgesamt erwartet jeder Vierte, dass diese 2030 nah am Idealbild liegen wird.

Vor allem was Mitgestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten anbelangt, haben die Erwerbstätigen in Deutschland durchaus positive Erwartungen an die Arbeitswelt von morgen.

Dieser Bereich lässt sich eindeutig als Chancenraum für die Zukunft der Arbeit bezeichnen.

weitreichende Eigenverantwortung leben sein eigenes Berufsbild kreativ gestalten Partizipation auf Basis mündiger Individuen Ideale in der Arbeitswelt verwirklichen alle individuellen Ansprüche realisieren

Arbeitszeitgestaltung – zwei Modelle.

Vor allem die „Flexibilität der Arbeitswelt“ bleibt ein Konfliktpunkt. Es geht hier nicht nur um unterschiedliche Interessen zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen. Auch zwischen Arbeitnehmergruppen gibt es unterschiedliche Präferenzen, Sorgen und Bedürfnisse.

Abgegrenzte Arbeitszeiten.

Kurzbeschreibung
Diese Gruppe bevorzugt abgegrenzte Arbeitszeiten, um Arbeit und Freizeit zu trennen. Flexibilität bedeutet für sie Fremdbestimmtheit und ist negativ assoziiert.
Begriffe
FamiliärGelassenheitPlanbarkeitgeregelte ArbeitszeitenSorgenfrei
Vor allem in den Wertewelten
  • Sorgenfrei von der Arbeit leben können
  • In einer starken Solidargemeinschaft arbeiten
  • Sinn außerhalb seiner Arbeit suchen (mit Abstrichen)

Individualisierung der Arbeitszeiten.

Kurzbeschreibung
Diese Gruppe strebt nach der Individualisierung ihrer Arbeitszeiten, um Arbeit und Freizeit zu integrieren. Flexibilität bedeutet für sie Selbstbestimmtheit und ist positiv assoziiert.
Begriffe
Eigeninitiativefreie ZeiteinteilungSelbstverwirklichungGestaltungEustressFlexibilität
Vor allem in den Wertewelten
  • Sich in der Arbeit selbst verwirklichen
  • Engagiert Höchstleistung erzielen
  • Balance zwischen Arbeit und Leben finden

Während sich die beiden Haltungen zur Arbeitszeitgestaltung hinsichtlich der Flexibilisierung des täglichen Arbeitspensums deutlich unterscheiden, eint sie der Wunsch nach Flexibilisierung je nach Lebensphase.

Insgesamt verwenden die Befragten 422-mal explizit das Wort „flexibel“. Die große Mehrheit der Nennungen (71 %) wird dabei in einem negativen Kontext verwendet. Das deutet darauf hin, dass Flexibilität deutlich ambivalent interpretiert wird.

Explizite Verwendung des Begriffs „Flexibilität“.

Negative Verwendung300 Nennungen Positive Verwendung122 Nennungen

Wie stark die Aspekte auf die Arbeitswelt zutreffen (100 % = trifft voll zu)

Die heutige Arbeitssituation wird eher mit den negativen Aspekten von Flexibilität, wie ständige Erreichbarkeit, verbunden. Es wird erwartet, dass in der Zukunft auch die positiven Aspekte, wie freie Arbeitszeitgestaltung, erfüllt sein werden.

„heute“ bezeichnet den Erhebungszeitraum 2015; 2020 und 2030 geben die Erwartungen der Befragten wieder.

Weitere Themenfelder.

Die Darstellung der sieben Wertewelten macht die Pluralität in der Wahrnehmung der Arbeitswelt in Deutschland deutlich. Darauf aufbauend analysiert die Studie die Haltung der Befragten zu ausgewählten Themenfeldern.

Digitalisierung

Gegenüber dem Thema „Digitalisierung“ herrscht eine ähnliche Zweiteilung wie bei der Arbeitszeitflexibilisierung vor. Auch hier gibt es eine Gruppe, die die zunehmende Digitalisierung ausschließlich als Hilfsmittel am Arbeitsplatz akzeptiert und ansonsten eine Entgrenzung der Arbeitswelt hinein in die Privatsphäre mit dem entsprechenden Druck fürchtet. Eine andere Gruppe fokussiert auf Potenziale und sieht vor allem ihre persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Doch auch diese nimmt wahr, dass zunehmende Erreichbarkeit und Effizienzsteigerung die Anforderungen an den Einzelnen nach oben schrauben können.

Weiterbildung

Auch wenn Weiterbildung über alle Wertewelten positiv wahrgenommen wird, ist unter zusätzlicher Berücksichtigung der Aspekte Bildung und Qualifizierung eine sichtbare Zweiteilung erkennbar. Die „Gewinner“, also diejenigen, deren Wertewelt sich mit der heutigen bzw. künftigen Entwicklung am Arbeitsmarkt deckt, sehen Weiterbildung als selbstverständliches Element ihres Arbeitsalltags an. Die Befragten, die sich in einer Situation befinden, die man als prekär bezeichnen kann, würden viel darum geben, an Weiterbildungen teilzunehmen, die ihnen wieder Zugang zu besser abgesicherter Beschäftigung und höheren Einkommen ermöglichen.

Soziale Sicherung

Die Grunderfahrung der überwiegenden Mehrheit der Befragten ist die einer Erosion von sozialer Sicherheit. Die Berechenbarkeit von Berufslaufbahnen habe ebenso abgenommen wie das Lebensgefühl von sozialer Sicherheit. Diejenigen, die im digitalen Wandel persönliche Chancen für eine selbstbestimmte und herausfordernde Berufslaufbahn sehen, nehmen den Verlust an kollektiver sozialer Sicherheit als Preis hin, der für diese Chance zu zahlen ist. Ein zentraler Punkt ist demnach der Zugang zu einer Arbeit, von der man sich und die Familie langfristig und dauerhaft ernähren kann.

Mitbestimmung

In der Studie zeigt sich ein grundsätzlicher Wunsch nach Mitbestimmung. Die Befragten konstatieren und kritisieren einen Machtverlust der Gewerkschaften – und wünschen sich zugleich eine Unterstützung in ihren jeweiligen Bedürfnissen. Allerdings artikuliert nur eine Minderheit Interesse an konfrontativen Vorgehensweisen. Konsenslösungen, konstruktives Verhandeln und Gemeinwohlorientierung werden deutlich bevorzugt. Es ist zu erkennen, dass Partizipation von allen positiv bewertet wird. Lediglich die Wertewelt „Sorgenfrei von der Arbeit leben können“ übt leichte Kritik.

Was daraus folgt.

Dass Erwerbstätige differenzierte Lebensrealitäten und Ansprüche haben, ist keine neue Erkenntnis. Die Wertewelten-Studie zeigt jedoch, dass wir es inzwischen mit sehr unterschiedlichen Arbeitskulturen und Bedürfnissen zu tun haben, die sich nur ungern „über einen Kamm scheren“ lassen.

Was alle eint, sind die Ablehnung von unfairen Arbeitsbedingungen und die Überzeugung, dass Leistung auch angemessen honoriert werden sollte. Dennoch sprechen die Wertewelten unterschiedliche Sprachen: Der Begriff „Flexibilität“ bedeutet für die einen „mehr Druck“, für die anderen „mehr Freiheit“. Die Digitalisierung ist für die einen Verheißung, für die anderen neben der Globalisierung eher bedrohlich.

Die einen erwarten einen starken Staat, welcher unfaire Arbeitsbedingungen verhindert. Die anderen wollen keinen staatlichen Paternalismus, der ihnen vorschreibt, wann und wie sie arbeiten wollen.

Daraus lässt sich für Akteure in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die zentrale Schlussfolgerung ableiten, die Differenziertheit der Wertewelten in Inhalt und Ansprache deutlich stärker als bisher zu berücksichtigen.

Gesellschaftlich bedarf es somit nicht der einen Lösung, sondern pluraler Angebote, die den vielfältigen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht werden.

Was das für Ihr Unternehmen heißt.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind innerhalb von Unternehmen unterschiedliche Wertewelten mit verschiedenen und auch sehr gegensätzlichen Vorstellungen vertreten. Im Zuge des demografischen Wandels wird eine zunehmende Machtverlagerung hin zu den Mitarbeitenden stattfinden. Mit dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein werden Mitarbeitende mit unterschiedlichen Vorstellungen von Arbeit in der Zusammenarbeit Reibungsverluste und Konflikte erzeugen.

Deshalb gilt es heute mehr als je zuvor, eine Unternehmenskultur mit einem tragfähigen gemeinsamen Identitätskern zu entwickeln, der die unterschiedlichen Wertvorstellungen der Mitarbeitenden berücksichtigt. Denn nur dann werden sich diese auf Dauer loyal und engagiert für das Unternehmen einsetzen und im kollaborativen Miteinander die notwendige Leistung entfalten und Innovationspotenziale heben.

Wie wir Sie unterstützen können.

Frank Schomburg, Managing Partner von nextpractice

Frank Schomburg

Managing Partner · Autor der Studie

Fragen zur Studie oder zu den Wertewelten in Ihrem Unternehmen? Sprechen Sie mich an.

So ist die Studie entstanden.

Grundlage der Studie sind 1.200 Interviews von je 90 bis 120 Minuten. Auf Basis des Mikrozensus von 2013 wurde dafür eine für die Erwerbspersonen in Deutschland repräsentative Quotenstichprobe mit 1.000 Personen definiert, quotiert nach diesen Merkmalen:

AlterGeschlechtWohnumfeld (Stadt/Land)Berufsbereichberuflicher Bildungsabschlusspersönliches Nettoeinkommen
  1. SCHRITT 1

    Vergleichen.

    Die Befragten vergleichen jeweils zwei von 94 Elementen, etwa „Arbeit in Deutschland heute“ und „meine Arbeitssituation“: ähnlich oder verschieden?

  2. SCHRITT 2

    Beschreiben.

    Sie benennen den Unterschied in eigenen Worten. So entsteht eine Bewertungsskala aus ihrer Sprache statt aus vorgegebenen Dimensionen.

  3. SCHRITT 3

    Bewerten.

    In schneller Folge bewerten die Befragten alle weiteren Elemente auf der eigenen Skala. Durch die Bewertung fließt auch implizites Wissen in die Untersuchung ein. Am Ende stehen knapp 500 Bewertungen pro Person.

Die 13.652 Konstrukte, hinter denen fast 600.000 quantitative Bewertungen stehen, wurden schrittweise zu 159 Themen und dann zu 34 Resonanzfeldern verdichtet. Mithilfe einer Clusteranalyse wurden sieben verschiedene und klar unterscheidbare Gruppen identifiziert, die eine bestimmte, in sich konsistente Sichtweise auf das Themenfeld Arbeit haben.

Ergänzt wurde die Stichprobe um die zwei Kontrollgruppen „Bildungsteilnehmer“ und „Hausfrauen/Hausmänner“ mit insgesamt 200 befragten Personen. In diesen Kontrollgruppen ließen sich keine systematischen Unterschiede zu den Erwerbspersonen feststellen.

Das Verfahren heißt nextexpertizer und baut auf der Repertory-Grid-Methode auf. Es verbindet die qualitative Tiefe eines Interviews mit der Vergleichbarkeit einer quantitativen Umfrage und erfasst weitgehend vorgabefrei die relevanten persönlichen Bewertungsdimensionen der Interviewpartner*innen.

Mehr zum nextexpertizer

Förderung, Herkunft und Zitierweise.

Die Studie wurde gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Sie erschien im März 2016 als Forschungsbericht des BMAS und war Teil des Dialogprozesses Arbeiten 4.0.

  1. 15. März 2016

    Vorstellung auf der Halbzeitkonferenz „Arbeiten 4.0“ des BMAS in Berlin: Frank Schomburg und André Sobieraj im Gespräch mit Thomas Ramge.

  2. 2016

    Das Weißbuch Arbeiten 4.0 des BMAS greift die Studie auf.

    Weißbuch Arbeiten 4.0 (BMAS)
  3. 18. Mai 2017

    G20-Treffen der Arbeits- und Beschäftigungsminister in Bad Neuenahr: Frank Schomburg spricht als Autor der Studie über die Ergebnisse.

Zitieren als

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2016): Wertewelten Arbeiten 4.0. Forschungsbericht. Berlin.

Den vollständigen Bericht „Wertewelten Arbeiten 4.0“ stellt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bereit.