
Otto Group
Auszug aus der Buchpublikation „Change Management in der Praxis“ (2008), herausgegeben von Susanne Rank und Rita Scheinpflug
Was als Versandhandel begann und zu den großen Erfolgsgeschichten der Nachkriegsgeschichte gehört, hat sich zu einem internationalen Konzern entwickelt, dem über 100 Unternehmen mit 55.000 Mitarbeitern in 19 Ländern angehören: der Otto Group. Seit Ende der 90er Jahre setzte die Otto Group wiederholt die Verfahren nextexpertizer und nextmoderator ein. Das übergeordnete Ziel während der gesamten Periode war, die Vernetzung zwischen den weitgehend selbständig geführten Unternehmen zu fördern. „Durch stärkere Vernetzung erwarten wir Synergieeffekte wie den Austausch von Innovationen und Problemlösungsverfahren“, erklärte der Leiter der Otto Group Academy, zugleich zuständig für Personalentwicklung. Spezifisch ging es zudem darum, die sich konstituierende Gruppe mit einer gemeinsamen Identität auf der Basis von geteilten Werten zu versehen, um die Vernetzung zu intensivieren. Doch der Academy-Leiter wusste auch: „Werte im Vorstand zu entwickeln und den einzelnen Konzerneinheiten von oben überstülpen ist wenig sinnvoll.“ Wie können die Unternehmenswerte des Konzerns in den Köpfen der Mitarbeiter weltweit mit Leben gefüllt werden?
Im Rahmen einer nextexpertizer-Befragung unter den Führungskräften der Otto Group wurden zunächst die kulturellen Basiswerte analysiert, die in den einzelnen Otto-Unternehmen verankert sind. Die Analyse ermittelte als Werte, die einen gemeinsamen Nenner bildeten, Leidenschaft, Innovation, Nachhaltigkeit und das Arbeiten in Netzwerken. Um diese Werte nicht nur zu identifizieren, sondern sie im gesamten Unternehmen erlebbar zu machen, entwickelte nextpractice gemeinsam mit der Berliner Künstlergruppe um Ernst Handl ein Corporate Art-Projekt, das sich an alle Mitarbeiter richtete. Mit einem begrenzten Budget sollten möglichst viele Beschäftigte zu aktiver Mitarbeit bewegt werden. Der Kern des Projektes: Weltweit wurden die Mitarbeiter aufgerufen, einen Stein zu suchen, ihn zu bemalen und als persönlichen Kreativbeitrag zur Gruppenidentität an die Hamburger Zentrale zu schicken.
Um das Ziel trotz geringer Mittel zu gewährleisten, wurde das Prinzip des Avalanche-Effektes genutzt (Martens, 2005). Für das Gelingen eines solchen Lawineneffektes müssen die Schlüsselpositionen eines Systems aktiviert werden, die dann wiederum selbst das System in Bewegung bringen, bis schließlich eine Kettenreaktion mit großer Wirkung entsteht. Im Rahmen eines Managing Directors Meeting wurden zunächst die Geschäftsführer der Einzelunternehmen informiert. Als zusätzlichen Motivationsfaktor verpflichtete sich die Otto Group an, für jeden eingereichten Stein einen definierten Geldbetrag in Kinderhilfsprojekte fließen zu lassen. Damit konkretisierte die Geschäftsführung den Wert der Nachhaltigkeit und zeigte ihr Commitment zur Corporate Social Responsibility. Bis auf einige Plakate und Broschüren rührte die Projektleitung für das Projekt „Meilensteine“ darüber hinaus nicht groß die Werbetrommel.
Die Einfallsreichtum der Otto-Einzelunternehmen war beeindruckend: So gab es internationale „Rocktail“-Parties, „steinerne“ Wochen in den Kantinenküchen – mit Steinpilzen und Steinbeißerfilet – oder persönliche Mails der jeweiligen Geschäftsführungen an alle Mitarbeiter. Die Resonanz war überwältigend. 33.686 Steine erreichten die Hamburger Zentrale, gemeinsam bilden sie dort inzwischen einen großen Steingarten. Das entsprach einer bemerkenswerten Beteiligungsquote von 65%. Der Personalentwickler resümierte: „Mit viel Leidenschaft und Kreativität haben sich die Mitarbeiter der Otto Group ein nachhaltiges Monument geschaffen, das genau unsere Werte symbolisiert.“ Mit Leidenschaft wurden die Steine bemalt und zeugen von dem Engagement und der Kreativität der Mitarbeiter. Das Objekt Stein steht selbst wie kein anderes Symbol für Nachhaltigkeit. Und schließlich war die künstlerische Vielfalt des Steingartens nicht von einem Einzelnen, sondern nur als Resonanzwelle in einem Netzwerk realisierbar.
