Süddeutsche Zeitung, 2.Juni 2009, SZ Nr.124
Der letzte Tanz ums Goldene Kalb
Das Auto als Kultobjekt und klassisches Statussymbol hat ausgedient.
Wer das Epizentrum des Erdbebens,
das gegenwärtig den Konsumbereich
Automobil durcheinanderwirbelt,
irgendwo zwischen Ölpreis
und Finanzkrise verortet, hat nicht
verstanden, was eigentlich vor sich
geht. Es spricht viel dafür, dass
selbst neue, umweltfreundliche und
sparsame Antriebssysteme kaum in
der Lage sein werden, einen Umschwung
in der dramatischen
Marktentwicklung herbeizuführen.
Weitgehend unbemerkt von Herstellern
und Medien hat das Auto
bei den Konsumenten seinen Spitzenplatz
in der Hitparade der Begehrlichkeiten
verloren. An die Stelle
der Begeisterung für das Produkt
Auto tritt zunehmend der Wunsch
nach persönlich sinnvollen Mobilitätskonzepten.
Nachdem die Zahl der Autoverkäufe
drastisch eingebrochen ist und
einstige Weltkonzerne kurz vor der
Pleite stehen, wird von der Industrie
verschämt eingestanden, dass die
Ursache nicht nur in Klimadebatte,
Ölpreis und der Finanzkrise, sondern
vor allem auch in einer verfehlten,
vorwiegend auf Motorstärke
und Technologie setzenden Produktpolitik
zu suchen ist. Angesichts
des späten, überraschenden
Erfolgs des Smart Fortwo beeilte
sich der Daimler-
Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche
im Juli 2008 zu verkünden:
"Der Smart Fortwo ist sinnvoll und
macht Spaß - und wenn wir ihn
nicht vor zehn Jahren erfunden
hätten, müssten wir ihn heute erfinden."
Ist die Botschaft also endlich angekommen?
Offenbar nicht wirklich.
Denn auf der Website des Konzerns
stößt man als Aushängeschild nicht
etwa auf den Smart Fortwo, sondern
auf die repräsentative E-Klasse.
Ein Blick in die Zukunft ist das sicher
nicht, wenn man sich vergegenwärtigt,
dass die Billigmarke Dacia von
Renault im ADAC-Praxistest zur
Kundenzufriedenheit 2008 aus dem
Stand den fünften Platz belegte.
Dabei ist Mercedes kein Einzelfall.
Vor allem die zahlreichen Remakes
einstiger Kultautos belegen die kollektive
Weigerung der Automobilindustrie,
eine grundlegende Neuorientierung
zu wagen. Wie so oft sind
es die tief ins kollektive Gedächtnis
eingebrannten Wertepräferenzen,
die es besonders den stolzen Vertretern
vergangener Stärke erschweren,
sich auf den nicht mehr
aufzuhaltenden Änderungsprozess
einzulassen.
Vergleichbar dem Flugzeug ist auch
die Entwicklung des Automobils
eine Geschichte der Erfüllung des
Menschheitstraumes von persönlicher
Unabhängigkeit, grenzenloser
Bewegungsfreiheit und müheloser
Kraftentfaltung. Aber im Gegensatz
zum Flugzeug ist das Automobil
Teil des Alltagslebens geworden
und ein Symbol der Segnungen
technischen Fortschritts für alle. Die
Aufwertung des eigenen Ich durch
das Auto ist eine Erlebnisqualität,
die zu Beginn der Moderne ohne
Einschränkung begeisterte. Entstanden
in einer Zeit, in der Reisen noch
mühselig, langsam und mit vielen
persönlichen Einschränkungen verbunden
war, bot nur das Auto die
Möglichkeit, sich auf beliebigen
Strecken und zu jeder gewünschten
Zeit mit einer bisher unerreichten
Geschwindigkeit fortzubewegen.
Zu der neuen Dimension der Bewegungsfreiheit
kam die Prestigefunktion
des anfangs noch handgefertigten
und entsprechend teuren
Automobils. Das Auto avancierte
zum aufwendig gestalteten Kultobjekt,
zur fahrbaren Skulptur, der in
Autorennen gehuldigt wurde. Es
wurde zum konkurrenzlosen Objekt
der Begierde und einen Führerschein
zu machen, entwickelte sich
zum selbstverständlichen Initiationsritus
vieler Generationen.
Sicher, Krisen gab es schon immer,
auch in der Automobilindustrie.
Aber das kurzsichtige Frohlocken
angesichts staatlicher Milliardenkredite
und einer den Absatz fördernden
Verschrottungsprämie könnte
sich als schwerer Irrtum erweisen.
Denn manchmal verschwinden mit
den Krisen eben auch bislang erfolgreiche
Geschäftsmodelle vom
Markt. Die derzeit schon wieder
keimende Hoffnung der Automobilindustrie
gleicht denn auch weniger
einem dauerhaften Abebben
der Pegelstände als vielmehr dem
trügerischen Zurückweichen des
Wassers vor einem herannahenden
Tsunami.
Dass die Begriffe Krise und Chance
im alltäglichen Sprachgebrauch so
selbstverständlich verknüpft sind,
weist auf einen Wirkzusammenhang
hin, der kraftvoll genug ist,
um sprichwörtlich zu werden: In der
Instabilität krisenhafter Entwicklungen
erreicht die emotionale Beteiligung
der Betroffenen eine Intensität,
die eine Neuorientierung
grundlegender Werthaltungen
wahrscheinlich macht.
Wie die moderne Hirnforschung
zeigt, werden die Handlung leitenden
Wertepräferenzen der Menschen
bereits in den ersten zwei
Lebensjahrzehnten ausgebildet.
Diese Präferenzen sind die Grundlage
von Charaktereigenschaften und
bleiben im Laufe der persönlichen
Biographie weitgehend stabil. Nur
in einer Krise oder in anderen Situationen,
die "einen nicht kalt lassen",
entsteht die Chance auf Änderung.
Die gelernten Präferenzen sind in
einem Teil des Gehirns verankert,
den man als limbisches System bezeichnet
und dessen Wirken zumeist
unbewusst bleibt. Erlebt werden
diese Wertepräferenzen nur als
begleitendes Gefühl wie beispielsweise
Sympathie oder Abneigung.
Die Ergebnisse des Neuromarketings
belegen eindrücklich, wie
weitgehend die im limbischen System
verankerten Wertepräferenzen
gerade auch das Kaufverhalten
bestimmen
Vor dem Hintergrund dieses Wirkzusammenhanges
wird deutlich,
dass die gegenwärtige globale Wirtschaftskrise,
deren Ausmaß selbst
die Experten immer wieder überrascht,
durchaus das Potential besitzt,
zu dramatischen Veränderungen
in den unbewussten Wertepräferenzen
der Konsumenten zu führen.
Wenn die Wertepräferenzen
großer Menschengruppen in die
Veränderung gehen, führt das zu
einer generell gesteigerten Sensibilität
gegenüber medialen und anderen
kommunikativen Beeinflussungen.
In der Instabilität gilt das Prinzip
"kleine Ursache, große Wirkung".
Das Phänomen, das gerne verharmlosend
als "Nervosität der Märkte"
abgetan wird, ist nur ein Symptom
für einen zugrundeliegenden Prozess
der Neuorientierung der kollektiven
Wertewelten in entwickelten
Märkten. Tatsächlich findet seit
längerer Zeit ein Wertewandel statt,
der bereits für viele Konsumbereiche
gültig ist und in seiner Dynamik
stetig zunimmt.
Aufgeschreckt durch zwei Werbespots,
in denen der emotionale
Wert des Autos sowie die Statusfunktion
von Luxuskarossen massiv
in Frage gestellt wurde, führten wir
im Sommer 2007 eine erste Erhebung
zur Wertewelt Mobilität
durch, die im Herbst 2008 durch
eine Folgestudie ergänzt wurde. Im
ersten Werbespot von VW fällt in
einer typischen samstäglichen
Nachbarschaftssituation der liebevollen
Pflege des eigenen Autos ein
Neuwagen vom Himmel auf das
Vorgängermodell mit dem ökologisch
interpretierten Hinweis, "weil
neu sauberer ist". Im zweiten Werbespot
von Renault positionieren
Berühmtheiten von Beverly Hills
ihre automobilen Kostbarkeiten nur
so lange vor ihrem Haus, bis die
Touristenbusse weitergefahren sind
und holen dann ihre eigentlich bevorzugten
Kleinwagen aus der Garage.
Die Botschaft dieses Spots
lautet: "Mehr Sein als Schein". Die
Ergebnisse der Studien überraschten
in ihrer Eindeutigkeit und lassen
Interpretationen zu, die durchaus
wie ein Abgesang auf die besondere
emotionale Bedeutung des Autos
in den entwickelten Märkten wirken.
Tatsächlich zeigt sich in den Daten,
dass das Auto in den intuitiven Präferenzen
der Menschen seit den
neunziger Jahren dramatisch an
Wertigkeit verloren hat. Die lange
unangefochten gehaltene Pole-
Position im Wettbewerb um den
Titel des Konsumgegenstands mit
der höchsten emotionalen Aufladung
ist offenkundig nachhaltig
verlorengegangen. Die Konsumenten
entzaubern das Auto gegenwärtig
mit gnadenloser Konsequenz.
Aus dem Objekt der Begierde
und dem Symbol persönlicher
Unabhängigkeit wird mehr und
mehr ein nüchternes Werkzeug
mobiler Funktionalität. Das Auto ist
in der unbewussten Einschätzung
der Konsumenten nur noch eine
unter vielen möglichen Formen
moderner Fortbewegung.
Dabei unterliegt in der Wertewelt
Mobilität die Definition des Statussymbols
den größten Veränderungen.
In den unbewussten Wertepräferenzen
der Befragten zeigte sich
schon 2007, dass ein an Motorleistung,
technischer Ausstattung oder
exklusiver Verarbeitungsqualität
orientierter Statusbegriff nicht
mehr zeitgemäß ist. Wenn Status
für die Befragten überhaupt noch
eine Rolle spielt, dann im Zusammenhang
mit ökologischer Unbedenklichkeit,
sozialer Gerechtigkeit
und funktionaler Zweckmäßigkeit.
In der Erhebung 2008 zeigte sich
diese Entwicklungstendenz noch
einmal deutlich klarer. In Zukunft ist
Status in erster Linie gebunden an
Nachhaltigkeit und nicht mehr an
exklusive Qualität.
Entsprechend geraten besonders
die Premium-Marken unter Druck.
Ober- und Mittelklassewagen haben
so stark an Attraktivität eingebüßt,
dass eine hinreichende
Wiederaufwertung selbst bei
Verwendung umweltfreundlicher
Antriebssysteme wenig wahrscheinlich
ist. Die Volumenanbieter
und das Kleinwagensegment sind
verständlicherweise die relativen
Gewinner dieser Entwicklung. Aber
auch für sie ist die Prognose angesichts
des zu beobachtenden generellen
Kollapses des emotionalen
Mehrwertes der Automarken
keineswegs positiv. Die Abwrackprämie
dürfte diese Abwärtsspirale
zusätzlich anheizen. Dem kurzfristigen
Effekt einer Steigerung des
Absatzes bei Kleinwagen steht
dann eine weitere Abwertung des
Konsumgutes Auto gegenüber. Es
ist nur konsequent, dass Aldi sich
als Discounter entschieden hat,
neben verbilligten Bahnkarten jetzt
auch preisgünstige Gutscheine für
Mietwagen anzubieten.
Eine Dimension in der Wertewelt
Mobilität, deren emotionales Potential
zumindest im deutschen Markt
dem Aspekt der Nachhaltigkeit
durchaus gleichkommt, ist die
Dimension der persönlichen Sinnstiftung.
Die Menschen empfinden
es in der Komplexität und Dynamik
der globalen Netzwerke als ein
echtes Privileg, selbstbestimmt
persönliche Wertvorstellungen
realisieren zu können. Wenn es dem
Auto oder einer über das Auto zur
Verfügung gestellten Mobilitätsdienstleistung
gelingt, die Menschen
bei der Gestaltung eines für
sie sinnvollen Lebens zu unterstützen,
entsteht wahrscheinlich ein
tragfähiges Gefühl neuer Wertigkeit.
Die Konsumenten suchen
anscheinend in Zukunft eher
Premium-Mobilität als Premium-
Fahrzeuge.
Vergleichbar mit der Neudefinition
des Statusbegriffs und der Veränderung
des Premium-Gedankens wird
auch die Erlebniskategorie Fahrspaß
zunehmend mit grundlegend
geänderten Assoziationen belegt.
Neben die bislang dominierenden
Aspekte von Dynamik, Geschwindigkeit,
Freiheit, Sicherheit und
Komfort tritt ein zweites, davon
deutlich unterscheidbares Resonanzfeld,
in dem die Konsumenten
Fahrspaß mit Vernunft, Sparsamkeit,
sozialer Verantwortung,
menschlicher Nähe und Schönheit
in Verbindung bringen.
Vielleicht kann man in Design und
Werbung noch eine Weile versuchen,
die Emotionen der Vergangenheit
wieder aufleben zu lassen;
und sicher wird die Freude am Automobil
im Reservat der Oldtimer
und Edelmarken noch lange unverdrossen
zelebriert werden. Aber
die Automobilindustrie tut gut daran,
sich selbstkritisch mit dem stattfindenden
Wertewandel und dem
dahinter stehenden Thema des
öko-sozialen Gleichgewichts auseinander
zu setzen.
Freiheit, Sicherheit und Komfort
tritt ein zweites, davon deutlich
unterscheidbares Resonanzfeld, in
dem die Konsumenten Fahrspaß
mit Vernunft, Sparsamkeit, sozialer
Verantwortung, menschlicher Nähe
und Schönheit in Verbindung
bringen.
Vielleicht kann man in Design und
Werbung noch eine Weile versuchen,
die Emotionen der Vergangenheit
wieder aufleben zu lassen;
und sicher wird die Freude am
Automobil im Reservat der Oldtimer
und Edelmarken noch lange
unverdrossen zelebriert werden.
Aber die Automobilindustrie tut gut
daran, sich selbstkritisch mit dem
stattfindenden Wertewandel und
dem dahinter stehenden Thema
des öko-sozialen Gleichgewichts
auseinander zu setzen.
Von Peter Kruse
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Peter Kruse, Neurophysiologe, ist
geschäftsführender Gesellschafter
des Beratungs- und Methodenunternehmens
nextpractice und Honorarprofessor
für Allgemeine und Organisationspsychologie
an der Universität
Bremen.