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Handelsblatt DIENSTAG, 3. MÄRZ 2009 | NR. 43 Der Autokult kommt unter die Räder Der Blick reicht weit über die Halbbrille, sobald Peter Kruse sein Publikum fixiert. Der kräftige Mann mit dem Rauschebart ist Psychologe, Hirnforscher, Managementberater - und er sinniert gern über die Zukunft der deutschen Autoindustrie. Seine Botschaft an die Branche stammt eher von Kassandra als von Santa Claus: „Die emotionale Strahlkraft des Konsumgutes Automobil ist abgewirtschaftet.“ Kruse ist Honorarprofessor für Organisationspsychologie an der Universität Bremen und leitet die Beratungsfirma Nextpractice. In Tiefeninterviews hat er Konsumenten befragt und einen tief greifenden Wertewandel festgestellt: Ausgerechnet das Auto, Symbol der eigenen Wirtschaftsstärke, verliert bei den Deutschen massiv an Sympathie. „Das Auto hat unangefochtene Pole-Position ·als Konsumgegenstand mit der höchsten emotionalen Aufladung verloren“, sagt Kruse. Was bedeutet: Die Hersteller haben zum Start ihres Frühjahrstreffens auf dem Genfer Autosalon ein viel gewaltigeres Problem als eine historisch einmalige Absatzkrise. Und wer hat Schuld? Die Konzerne selbst, indem sie die prickelnde Beziehung der Deutschen zu ihrem Lieblings-Waschobjekt zerstört haben. „Das Design wurde vernachlässigt. Und damit hat das Auto an Erotik eingebüßt“, sagt der Professor. Seine folgenschweren Behauptungen kann der Berater durchaus belegen. Die Ergebnisse seiner Interviews zeigen, dass sich der Statuswert des Automobils im Vergleich zu den 90er-Iahren nahezu halbiert hat. Das gilt besonders für ehemalige Traumautomobile. „Die Wagen der Oberklasse sind doppelt so weit entfernt von den persönlichen Idealvorstellungen wie die Kleinwagen“, sagt der nextpractice-Chef. Seine Studie zur „Wertewelt Mobilität“ hat der Psychologe erstmals mit mehr als 100 deutschen Teilnehmern im Sommer 2007 durchgeführt. ‚Ende des Jahres 2008 folgte eine Neuauflage. Die Stichproben wurden jeweils nach soziodemografischen Gesichtspunkten wie Geschlecht, Alter, Einkommen, Bildungsstand und regionaler Herkunft ausbalanciert. Die von Kruses Team entwickelte Methode nimmt für sich in Anspruch, „unbewusste Wertepräferenzen zu messen und zu vergleichen“. Das Ergebnis soll die „kollektive Intuition“ der Menschen eines Kulturraumes widerspiegeln. Die Untersuchungen treffen den Nerv der Zeit. Um Auswege aus der Autokrise zu finden, verpflichten Konzerne wie BMW den langjährigen zu Workshops. „Sogar in Deutschland wandelt sich das Verhältnis zum Auto zunehmend von einer Liebesbeziehung zu einer Entscheidung der Vernunft“, warnt der Bremer die Manager dann und fordert sie auf, „die Emotionalität neu zu beleben“. Gelingt ihnen das nicht, dürfte es eng werden: „Dann stehen die Autobauer ausschließlich im Wettbewerb um die effizienteste Form von Mobilität.“ Sollte die Autoindustrie keine Antwort finden, „können wir das volkswirtschaftlich nicht verschmerzen“, fürchtet Kruse. Seinem Vater schossen als Automobilredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung noch ,,die Tränen in die Augen“, wenn in den 60er-Iahren ein neues Modell wie die Arabella der längst untergegangenen Marke Borgward herauskam. Vier Handlungsfelder hat der Psychologe ausgemacht: Öko, Retro, Design und eine neue Definition von Fahrspaß, die dem wachsenden Wunsch der Menschen nach Umsetzung von Nachhaltigkeit gerecht wird. Staatliche Hilfe hält der Wissenschaftler dabei für kontraproduktiv: „Die Dramatik der Lage wird durch die Abwrackprämie eher noch beschleunigt.“ Allein der Begriff bereitet dem bekennenden Autofan sichtlich Scbaudern. Der Lackmustest für den Erfolg der Automanager im Ringen mit dem Wertewandel sei simpel, sagt Kruse: „Hören kleine Jungs auf Autoquartett zu spielen, haben die Hersteller verloren.“ „Das Auto hat bei den Deutschen an Erotik eingebüßt.“ Psychologe Kruse