Perspektivenwechsel
Prof. Dr. Peter Kruse glaubt an ein Ende der Geiz-ist-Geil-Mentalität – doch diese Einsicht muss auch bei den Unternehmen reifen.
Lebensmittel Zeitung: Sie vertreten die These,
dass in der Ernährungswirtschaft das
Wachstumspotenzial nicht voll ausgeschöpft
wird. Wie kommen Sie darauf?
Prof. Dr. Peter Kruse: Wer genau in den Markt
hineinhört, kann wahrnehmen, dass sich
die Discount-Welle abzuschwächen beginnt.
Die Menschen gönnen sich wieder
etwas – und zwar besonders in den alltäglichen
Kleinigkeiten. Davon könnte die
Lebensmittelindustrie sogar eher profitieren
als andere Wirtschaftszweige. Die
Konsumenten werfen ihr Geld natürlich
nicht zum Fenster hinaus – aber es bewegt
sich etwas.
LZ: Woran machen Sie das fest?
Kruse: Wir haben bei mehreren Studien in
ganz unterschiedlichen Konsumbereichen
eine deutliche Veränderung in den Wertepräferenzen
der Käufer festgestellt. Die
Menschen suchen wieder stärker nach echten
Unterschieden und
nach sinnvollen Angeboten.
An die Stelle von
Trend und Lifestyle tritt
das Bedürfnis nach Produkten,
die einen spürbaren
Mehrwert im eigenen
Leben bieten. Man ist weniger bereit, einfach
einer Mode zu folgen. Und ein günstiger
Preis allein überzeugt nicht mehr.
LZ: Können Sie ein Beispiel nennen?
Kruse: Bei einer umfassenden qualitativen
Analyse des Kaufverhaltens im Internet
sind wir auf eine überraschende Tatsache
gestoßen: Entgegen der allgemeinen Erwartung
verliert selbst in dem Vertriebskanal,
der den Preisvergleich zum Volkssport
gemacht hat, die Schnäppchenjagd an
Attraktivität. Gerade bei den Konsumenten,
die überdurchschnittlich häufig im Internet
einkaufen, spielt der Preis nur noch
eine untergeordnete Rolle. Die besonders
aktiven Online-Shopper genießen es, ungestört
zu stöbern und sich anregen zu lassen.
Sie sind sehr kompetent bezogen auf
den Vergleich von Produkteigenschaften
und eher emotional bei ihrer Kaufentscheidung.
Die bloße Existenz dieser virtuellen
Einkaufsbummler bestärkt mich in der Annahme,
dass der Zenit der „Geiz-ist-geil“-
Mentalität überschritten ist.
LZ: Warum schlägt sich so wenig von diesem
Wandel in den Umsatzzahlen der Branche
nieder?
Kruse: Zum einen finden derartige Veränderungen
in den Wertepräferenzen der
Käufer nur langsam statt und zum anderen
wird die Entwicklung von der Branche
nicht aktiv unterstützt – eher im Gegenteil.
Die Unternehmen sind nach wie vor auf
den Faktor Preis fokussiert. Alle eifern den
Discountern nach. Optimierungsstrategien
und Kosteneffizienz stehen im Mittelpunkt.
LZ: Was ist dagegen einzuwenden?
Kruse: Den problematischen Aspekt der
Preisfokussierung bezeichne ich als Optimierungs-
Differenzierungs-Dillemma. In
dem Maße, in dem es gelingt, Strukturen,
Prozesse und Produkte bis ins letzte Detail
zu optimieren, wird alles zwangsläufig immer
ähnlicher. Mit Kosteneffizienz lassen
sich die Preise senken und die Wettbewerbsfähigkeit
steigern. Auf Dauer führt
die Entwicklung aber zu einer deutlichen
Einschränkung der Möglichkeiten. Es wird
immer schwieriger, einen Unterschied zu
machen, der einen Unterschied macht.
Dies mündet in eine Abwärtsspirale. Einzelne
Unternehmen können großen Erfolg
haben. Doch wer nur auf Preis und Umsatz
schaut, verliert schnell die Wertschöpfung
aus dem Blick. Die Luft wird für alle dünner.
Die Reichhaltigkeit der Konsumlandschaft
leidet und die Kaufanreize für den
Kunden gehen zurück. Dies kommt einer
schleichenden Selbsterdrosselung gleich.
Welche Branche kann sich das leisten?
LZ: Was kann ein Unternehmen tun, um den
Kreislauf zu durchbrechen?
Kruse: Patentrezepte gibt es nicht. Es handelt
sich um ein komplexes Gefüge von
gegenseitigen Abhängigkeiten und Einflussfaktoren.
Dahinter einfache Ursache-
Wirkungs-Zusammenhänge zu vermuten,
greift zu kurz. Alle Marktteilnehmer sind
Macher und Gemachte zugleich. Aber jeder
kann in seinem Bereich Einfluss darauf
nehmen, welche Entwicklung tendenziell
verstärkt und welche eher abgeschwächt
wird. Wenn viele die Preisorientierung
weiter vorantreiben, ist es fast unmöglich,
etwas anderes zu versuchen. Das ist ein
gefährliches Spiel.
LZ: Nicht nur Hersteller und Handel haben
die Preise im Fokus – sondern vor allem die
Verbraucher.
Kruse: Jede andere Behauptung wäre absurd.
Die Menschen in Deutschland haben
eine hohe Basissensibilität für den Preis.
Aber die Wertepräferenzen sind nicht gegeben,
sie werden gebildet. Auch wenn es
keinen Sinn macht, nach den Schuldigen zu
suchen – die „Geiz-ist-geil“-Mentalität ist
schließlich nicht vom Himmel gefallen.
Faszinierend ist, dass es so aussieht, als ob
das Pendel nun eigenständig beginnt, um
zu schwingen. Die Ergebnisse unserer Studien
legen nahe, dass bereits immer größere
Verbrauchergruppen ernsthaft genervt
sind von der progressiven Verarmung der
Konsumlandschaften. Der Versuch, mangelnde
Differenzierung in den Angeboten
durch die Phantasie der Verpackungsdesigner
und Werber wett zu machen, wird
nicht mehr akzeptiert. Die Menschen lieben
echte Vielfalt. Mit der wachsenden
Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit
steigt die Chance zu grundlegenden
Änderungen im Konsumverhalten.
LZ: Ist das nicht eher Wunschdenken?
Kruse: Eine steigende Zahl von Ausnahmen
ist ein Indiz für die beginnende Abschwächung
einer Regel. Sehen Sie sich beispielsweise
Tegut an. Das Unternehmen ist
mit seiner Differenzierungsstrategie sehr
erfolgreich. Offensichtlich zieht Tegut jene
Kunden an, die bereit sind, etwas mehr
Geld für etwas andere Sortimente und Produkte
auszugeben. Eine überzeugende Erfolgsstory
aus dem Getränkemarkt ist aktuell
die Marke Bionade. Hier wird gezeigt,
dass außergewöhnliches Umsatzwachstum
unabhängig vom Preis möglich ist. Das
Produkt ist eine wirkliche Innovation und
greift die Gesundheitsorientierung der
Verbraucher auf, ohne langweilig oder belehrend
zu wirken. Die Gütersloher Großbäckerei
Mestemacher erreicht mit Glaubwürdigkeit
und klarem Bio-Profil zweistellige
Zuwachsraten – gegen den Markttrend.
Die Kette der Geschichten ist schnell
zu erweitern; sie ist bunt und stimmt durchaus
optimistisch.
LZ: Wo sehen Sie den entscheidenden Unterschied?
Kruse: Es ist immer unternehmerisches Gespür,
das frühzeitig Potenziale in den Wertepräferenzen
der Kunden entdeckt und
nutzt. Als der Spezialversender Manufactum
begann, unter dem Motto „das Gute
und Schöne“, Alltagsgegenstände der Vergangenheit
neu zu entdecken, war die Idee
alles andere als selbstverständlich. Unternehmertum
lebt von Intuition und Risikofreude.
Professionelles Management kann
sich darauf beschränken, das Beste aus einer
Marktsituation herauszuholen. Professionelles
Unternehmertum hat die Aufgabe,
neue Märkte zu entdecken und bestehende
Märkte weiter zu entwickeln.
LZ: Was gilt es Ihrer Ansicht nach zu tun?
Kruse: Wenn das Optimierungspotenzial
ausgeschöpft ist, geht es darum, wieder aktiv
die Vielfalt zu erhöhen. Jede Lösung
beginnt mit der Wahrnehmung des Problems.
Die Einsicht, dass es an der Zeit ist,
die scheinbare Zwangsläufigkeit des sich
stetig verschärfenden Preiskampfes zu
durchbrechen, ist ein wichtiger erster
Schritt. Für tatsächliche Veränderungen ist
ein Perspektivenwechsel notwendig. Die
Perspektive vom Einzelunternehmen muss
auf die Branche erweitert werden. Im Bereich
der Logistik etwa ist vielen klar geworden,
dass über die Zusammenarbeit
zwischen Produktion und Handel finanzielle
Potenziale in Milliardenhöhe gehoben
werden können. Die Idee einer „joint
value creation beyond price“ ist weitgehend
akzeptiert. In vergleichbarer Form
über Wege der gemeinsamen Marktentwicklung
nachzudenken, ist sicherlich
noch eher gewöhnungsbedürftig.
LZ: Riskiert ein Unternehmen, sich für die
Branche aufzuopfern, wenn die alten Prinzipien
aufgegeben werden?
Kruse: Es geht nicht um moralische Appelle
oder um wohlmeinende Opfermentalität,
sondern um die dauerhafte Lebensfähigkeit
von Unternehmen. Wenn aus kurzfristiger
Profitmaximierung eine lebendige
Kultur ausgetrocknet wird, gibt es am Ende
keine Gewinner mehr. Die deutsche Bierkultur
ist einzigartig – der deutsche Bierkonsum
war es auch. Verflacht die Angebotsvielfalt,
so wechselt der Verbraucher
nach und nach auf andere Produktfelder.
Natürlich sind die großen, international
aufgestellten Konzerne auf den ersten
Blick die Gewinner. Wenn das Interesse am
Bier aber insgesamt zurückgeht, ist die
Freude nicht von Dauer. In der Schlacht bei
Asculum 279 vor Christus soll Pyrrhus, der
König von Epirus, formuliert haben:
„Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“
LZ: Heißt das, der Preisfokus schränkt auch
unsere kulturelle Entwicklung ein?
Kruse: Wirtschaft und Kultur sind nicht deshalb
miteinander verwoben, weil sich vermögende
Unternehmer als Mäzene und erfolgreiche
Unternehmen als Sponsoren betätigen.
Wirtschaft und Kultur bilden zwei
Seiten einer Medaille. Der Kreislauf von
Produktion und Konsumption beeinflusst
viele Facetten des Alltagslebens. Nachhaltiges
unternehmerisches Handeln erschöpft
sich nicht in ökologischer und sozialer
Verantwortung. Der kategorische
Imperativ der Nachhaltigkeit schließt die
Aufgabe ein, kulturellen Reichtum zu erhalten
und aufzubauen. Gerade in entwickelten
Märkten ist das nicht blauäugiges
Gutmenschentum, sondern die Basis des
wirtschaftlichen Erfolges.
Das Gespräch führte LZ-Redakteurin
Silke Biester