"Wir haben ein Methodenproblem!" Prof. Dr. Peter Kruse im
Gespräch
Prof. Dr. Peter Kruse ist geschäftsführender Gesellschafter der nextpractice
GmbH in Bremen und Honorarprofessor für Allgemeine und
Organisationspsychologie an der Universität Bremen. Sowohl als
Wissenschaftler wie auch als Unternehmensberater ist er Träger einer Reihe
von Awards, auch nextpractice wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Auf der
LEARNTEC hält er am 16. Februar die Key-Note „Mit Wissenswerkzeugen
Komplexität in Unternehmen erfolgreich meistern“. 01.02.2006
Herr Prof. Kruse, was führt Sie zur LEARNTEC?
(Lacht) Das war, wenn Sie so wollen, ein langer Weg. Ich komme ursprünglich aus der
Hirnforschung und bin eher zufällig zum Unternehmer und Management-Berater
geworden. Ein Unternehmen betrachte ich wie ein soziales Gehirn, dessen verborgene
Intelligenz zur Geltung kommen soll. Dafür nutzen wir von nextpractice die digitale
Technologie in Form EDV-basierter Instrumente, und hier ergibt sich eine naheliegende
Verbindung zur LEARNTEC.
Sie sind vor allem im Change Management tätig und fordern von
Personalentwicklern eine „Professionalisierung zweiter Ordnung“. Was
verstehen Sie darunter?
Es geht mir vor allem um drei Dinge: Das Verstehen komplexer Dynamik, Transparenz
und Involvierung. Wir leben heute in einer globalisierten Netzwerkökonomie, die uns
zwingt, mit nicht-linearen Prozessen umzugehen und eine Kultur des Wandels zu
entwickeln. Wir dürfen nicht nur Funktionen optimieren, sondern müssen auch
Prozessmuster wechseln. Dabei sind „weiche Faktoren“ besonders wichtig, denn die
persönlichen Einstellungen und Bewertungen von Menschen sind bei
Veränderungsprojekten entscheidend. Involvierung bedeutet, die Betroffenen mit ein zu
beziehen, um Prozesse der Selbstorganisation zu unterstützen.
Über die Komplexität und Dynamik nicht-linearer Prozesse wurde in den letzten
Jahren sehr viel geredet. Ist man dadurch aber zu wirklich neuen Lösungen für
die Praxis gekommen?
Wir haben ein Methodenproblem. In der Management-Theorie hat sich viel getan, aber
die Methoden der Unternehmensführung haben sich kaum geändert. Noch immer
dominieren lineare Steuerungsprozesse im Sinn einer top-down geführten Organisation,
die eingesetzten Instrumente sind traditionell. Das geht in konventionellen Situationen
gut. In Phasen der Neuorganisation, wo schon die Formulierung eindeutiger Ziele kaum
möglich ist, stößt man sehr schnell auf Grenzen.
Löst man diese Probleme nur mit neuen Methoden? Jede noch so gute Methode
hinkt doch der Realität hinterher.
Ross Ashby, einer der Pioniere der Kybernetik, hat gefordert, dass Lösungssysteme die
selbe Komplexität zulassen müssen wie sie die Probleme aufweisen, die zu bewältigen
sind. Dieser Sachverhalt ist als „Ashby´s Law“ bekannt, wird aber zu wenig
berücksichtigt. So wurden zum Thema Unternehmenskultur genug Grundsatzaussagen
getroffen und theoretische Abhandlungen verfasst. Aber es macht z. B. wenig Sinn, die
Unternehmenskultur mit Fragebögen zu erfassen, die nur so intelligent sind wie der
Fragebogen-Verfasser.
Plädieren Sie damit für Events, wie sie etwa bei IBM durchgeführt werden? Dort
hat vor kurzem ein 72-stündiger ununterbrochener globaler Online-Chat zur
Erfassung der Unternehmenswerte stattgefunden.
Unsere Veranstaltungen haben einen anderen Rahmen. Wenn man mit Menschen
arbeitet, die sich nicht kennen, sind virtuelle Workshops wenig sinnvoll. Der offene
Austausch von Wissen braucht eine gemeinsame Identifikation. Führt man viele hundert
Menschen aber real in einem Raum zusammen, entsteht eine gemeinsame Faszination,
die die Teilnehmer mitreißt. Bei unseren Großgruppenveranstaltungen arbeiten bis zu
2000 Menschen in einem Netzwerk aus Laptops zusammen. Moderatoren-Koffer mit
Metaplan-Karten und Flipcharts als traditionelle Hilfsmittel sind überflüssig. Mit unseren
besonderen Tools verdichten wir die entstehende Wissensdynamik, denn Vernetzung
allein ist kein Selbstzweck – sie ist nur die Voraussetzung für eine übersummative
Ordnungs- und Erkenntnisbildung, auf die wir abzielen.
Auf die Dramaturgie der Meetings kommt es aber auch an?
Wir sehen uns als Geburtshelfer, die das implizite Wissen von Organisationen zu Tage
fördern. Dieses Wissen ist in der Regel handlungssteuernd und trotz aller Anstrengungen
von Wissensmanagement-Projekten nicht in kristalliner Form zugänglich. Es kommt nur
zum Tragen, wenn es in eine soziale Dynamik eingebunden wird.
Das Gespräch führte Edgar Wang.
Im Rahmen der täglich stattfindenden Wissenstalks in der Fachmesse ist Joscha Remus,
INFONAUTIK, am 16. Februar 2006 im Gespräch mit Prof. Dr. Peter Kruse zum Thema
„Wissenswerkzeuge im Wandel“.